DV premiere - angetestet ...

 

Kurz vor Weihnachten 2001 brachte mir der Paketbote ein neues Produkt aus dem Hause Electronic Design, München für einen Praxistest.

Unter der Überschrift "Personal Video Editing" hat Electronic Design ein recht interessantes Paket geschnürt:


(C) by Electronic Design

 
Packt man "DV premiere" es aus, so kommen eine FireWire-Karte nach dem OHCI-Standard mit zwei externen und einem internen Port, sowie eine CD mit der Schnittsoftware Premiere 6.0 LE von Adobe, ein paar Goodies und ein i.Link-Kabel für den Camcorder-Anschluss zu Tage.


DV Premiere - (C) by S.Uchrin

 
Was ist das besondere an diesem Paket, werden Sie fragen.

Nun habe ich ja schon über FireWire-Karten und Ihre Funktion unter

berichtet und der aufmerksame Videofilmer / Internet-User weiß, dass es FireWire-Karten bereits ab 70,- oder 80,- DM auf dem Markt gibt.

Einige Anbieter verbinden nun eine solche Karte mit entsprechender Anwendersoftware und schnüren so recht interessante Pakete.

BoBit in Bochum z.B. bietet eine FireWire-Karte unter der Artikel-Nr. 180747 incl. ULEAD Video-Studio zum Preis von 89,- DM an. Nun ist in diesem Paket kein Kabel dabei. Doch für 29,90 DM können Sie bei BoBit auch ein solches Kabel erstehen. Für den Versand müssen Sie, wenn Sie nicht gerade in Bochum wohnen, dann nochmals 20,- DM Nachname berappen. Zu einem Gesamtpreis von 138,90 DM haben Sie dann ein kpl. Paket zusammengestellt. Ob die Software in deutsch oder englisch geliefert wird, geht allerdings aus dem Internetangebot nicht hervor. Unklar blieb auch die Version von Video-Studio. Obwohl zwischenzeitlich die Version 5 aktuell ist, finden Sie bei den Bundling-Angeboten überwiegend die Version 3 oder 4 (Basic) vor.

Verstehen Sie das hier aufgeführte Angebot also bitte nicht als Empfehlung, es soll Sie nur über ein typisches Angebot im Dez. 2001 informieren. Es ist auch sicher nicht das Angebot mit dem tiefsten Preis, denn die Erfahrung lehrt uns, dass man immer noch einen Anbieter findet, der etwas preisgünstiger anbieten kann.

Vor rund einem Jahr habe ich für ein vergleichbares Paket noch direkt im Laden 220,- DM bezahlt. Sie sehen also - die Preise fallen...

 
Das Paket "DV premiere" von Electronic Design kostet direkt beim Hersteller 79,- Euro (+Versand), also 154,51 DM, und ist damit auf den ersten Blick einmal teurer als vergleichbare Angebote.

Vermutlich wird sich der Preis im Handel zukünftig etwas an den Wettbewerb angleichen, denn Sie können das Produkt nicht nur beim Hersteller direkt, sondern auch in vielen Elektronik-Märkten kaufen. Doch schauen wir zuerst einmal, was wir für die 79,- Euro bekommen.

Die Karte, die einen eigenen IRQ beansprucht, macht einen sauber verarbeiteten Eindruck und lässt sich problemlos in meinem Testrechner (Compaq Deskpro) mit Win 98 SE installieren.

Die beiliegende 4-seitige Kurzanleitung führt sehr gut Schritt für Schritt nicht nur durch die Installation, sondern auch direkt bis zur Filmbearbeitung unter Adobe Premiere.

Der Geräte-Manager zeigt ohne Murren (nachdem bei der Installation die Windows - CD angefordert wurde) den notwendigen Treiber.

 

Schauen wir uns im nächsten Schritt einmal die beigepackte CD genauer an. Neben Adobe Premiere 6.0 LE finden wir als "Goodies" die veralterte Freeware Scenalyzer in der Version 3.01. Aktuell ist momentan (Stand: 08.12.01) die Version 3.52. Mit Hilfe dieser Software kann man in Videodateien automatisch die Übergänge finden, an denen ein Szenenwechsel stattfindet.

Schöner und für DV-Video interessanter wäre hier aber sicher eine Vollversion von "Scenalyzer Live" gewesen.

Als nächstes finden wir CDex, mit dessen Hilfe Sie Audio Dateien von einer CD auslesen und als WAV oder MP3-File auf Ihrer Festplatte abspeichern können. Auch diese Software ist kostenlos im Internet verfügbar und wäre damit auf der CD entbehrlich.

Zu meiner absoluten Verwunderung habe ich dann noch als Draufgabe Paint Shop Pro 4.12 von Jasc in einer 30 Tage-Version (File-Datum vom 03.02.1997 !!) gefunden. Aktuell ist die Version 7.

Da mir der Sinn dieses alten Programms nicht so richtig klar geworden ist, habe ich Electronic Design nach den Hintergründen gefragt. Als Antwort bekam ich folgende Stellungnahme: "Ganz einfach, das Programm ist schneller, arbeitet qualitativ sehr sauber und eignet sich hervorragend um etwa Bildformate (auch serienweise) zu konvertieren, das was man z.B. zum 720x576 in 768x576 umzurechnen und auszudrucken brauchen kann."

Interessant fand ich das Diagnosetool ED-SystemCheck aus dem Hause Electronic Design selbst.

Das Programm soll Ihren PC auf Videotauglichkeit testen. Bei einem ersten Schnelltest bin ich jedoch auf ein paar Ungereimtheiten gestoßen.

Bei meinen Festplatten wurde mir eine Größe angezeigt, die recht wenig mit der Wirklichkeit zu tun hatte. Hinter einer Platte steht eine Zahl von 553 MByte. Schaut man sich den Text an, so kann man erkennen, dass 3,0 GB von 553 MByte "frei" sein sollen. Nun ist die Platte in Wirklichkeit 8,5 GB groß und frei sind 3,9 GB.

Da muss der Programmierer wohl offensichtlich nochmals hinsehen.

Und auch die ermittelte Schreib- und Lesegeschwindigkeit blieb mir unklar. Als Lesegeschwindigkeit für eine bestimmt Platte (bei mir H:) wurde 15,8 MB/s und als Schreibgeschwindigkeit 9,1 MB/s ausgegeben.

Für die gleiche Platte ermittelte FastCap eine Schreibgeschwindigkeit von 20,513 MB/s und eine Lesegeschwindigkeit von 19,073 MB/s. Fragen Sie mich bitte nicht was richtig ist. Mein Vertrauen geht aber mehr zu FastCap, wie Sie sich bei den o.a. Problemen denken können.

Doch kommen wir zurück auf das Kernprodukt. Auf die Hardware und die eigentliche Schnittsoftware.

 
Viele FireWire-Karten (1394-Controller) unterstützen zwar Ihr Videoequipment - wie z.B. Ihren Camcorder - aber die Ansteuerung eines Massenspeichers über den IEEE 1304-Anschluss ist nicht möglich.

Wenn Sie also Massenspeicher wie Festplatten oder Wechsellaufwerke anschließen möchten, achten Sie beim Kauf einer solchen Karte unbedingt auf die OHCI-Kompatibilität. OHCI steht übrigens für "Open Host Controller Interface".

OHCI ist aus der Überlegung heraus entstanden, dass man die Treiberprogrammierung für die unterschiedlichen Controllerbausteine vereinfachen und normieren wollte. Über dieses Interface kann jedes Programm auf den FireWire-Bus zugreifen. So sind Sie nicht nur an die Capture-Funktion des mitgelieferten Schnittprogrammes eines bestimmten Herstellers gebunden, sondern Sie können je nach Aufgabenstellung Ihre Daten mit unterschiedlichen Programmen bearbeiten.

So ist es denkbar, anstelle der evtl. mitgelieferten Software "ULEAD Video-Studio, Ver 3" auch z.B. "Studio 7" von Pinnacle, "Movie DV 4" von AIST oder auch "Adobe Premiere 6.0" einzusetzen, wenn - ja wenn, Ihre IEEE-Karte OHCI-kompatibel ist. 

Serienmäßig ist eine OHCI-Unterstützung in Windows 98 SE / ME / 2000 und XP integriert. Im Windows-Devicedriver-Modell ist dazu ein sogenannter OHCI-Minidriver definiert. Windows 98 wie auch Windows NT4 fehlt der Support für OHCI - hier sind controllerspezifische Treiber erforderlich.

Kommen wir zurück auf unsere Karte aus dem Hause Electronic Design.

Hier finden wir eine Kombination der PCI-to-1394-Controller-ICs TSB12LV26 bzw. TSB41AB3 von Texas Instruments. Die ICs unterstützen die volle Bandbreite von 400 MBit /s.


DV premiere-ICs - (C) by S.Uchrin

Electronic Design garantiert durch diesen Aufbau den OHCI-Standard.

 

Die der "DV premiere" beiliegende Software Adobe Premiere (in deutscher Sprache) "wird selbst von Profis sehr geschätzt. Dank der logischen und durchdachten Bedienung ist diese Software auch für den Amateur schnell erlernbar und führt vor allem sicher zum Ziel: einem Videofilm in perfekter Qualität."

So vermitteln es uns die typischen Werbesprüche.

Nun bin ich trotz viel Erfahrung nicht der große Schnittprofi, aber Adobe Premiere 6.0 ist wirklich ein Programm der absoluten Spitzenklasse.

Doch zum Lieferumfang gehört nicht Adobe Premiere 6.0, sondern Adobe Premiere 6.0 LE (Limited Edition).

Und obwohl es sich dabei um eine "Mager-Version" von Adobe Premiere 6.0 handelt, kommt gerade der Anfänger recht schnell zu ganz erstaunlich guten Ergebnissen.

Was ich auf Anhieb vermisst habe, war die Möglichkeit, DV-AVIs vom Type-1, einzubinden. 

Zum Hintergrund:

Das von der Videokamera über die Firewireschnittstelle übertragene Video wird auf der Festplatte in einer sogenannten AVI-Datei abgespeichert. 

Microsoft hat zwei Methoden definiert, nach der Digital Video - Daten in AVI-Files gespeichert werden. Diese sind in der Literatur als Type-1 bzw. Type-2 bezeichnet.

Um das Problem zu verstehen, muss man das Format begreifen, nach dem Video- und Audio-Daten in einem AVI-File gespeichert sind.

Im Prinzip können in einem AVI-File x-beliebig viele Datenströme (Streams) vereint sein.

Der Regelfall ist allerdings, dass nur ein Video- ("vids") und ein Audio-Stream ("auds") vorhanden sind.

Die Existenz von einem Video- und einem Audio-Stream, bzw. beide zusammen in einem AVI-File, ist der eigentliche De-facto-Standard von VfW.

Ein "Native DV"-Stream, wie er im Prinzip aus einem Camcorder kommt, besteht nun aus einem DV codierten Video- und "pulse code moduliertem" (PCM) Audio-Signal. Geliefert werden diese Informationen als "interleaved" Stream - also als ein ineinander verschachtelter Datenstrom.

Dieser einzelne Datenstrom mit der Bezeichnung "ivas" (für interleaved video/audio stream) kann nun auch so als AVI-File vom "Type-1" gespeichert werden. Er kommt damit dem DV-Rohformat sehr nahe, in dem ebenfalls nur ein kombinierter Datenstrom vorliegt.

Da es sich dabei um einen einzelnen Stream handelt, der nicht der VfW-Spezifikation entspricht, können solche Type-1-Files per Definition von keinem VfW-basierten Editor (VfW = Video für Windows) benutzt werden.

Type-1-Files erleichtern allerdings dem Schnittprogramm z.B. das Timelineplayback, da man die "Schnipsel" beliebig ansetzen kann. Deshalb nutzen z.B. Ulead MSP 6.0 / MSP 6.5, MainActor 3.65 und auch AIST den Type-1 für deren eigenes Timelineplayback.

Interleaved DV - Daten können aber auch aufgesplittet werden und zwar in ein einzelnes Video-Signal und in ein bis vier Audio-Signale. 

Microsoft bezeichnet das Abspeichern in dieser Form als "Type-2" (merke: da mind. 2 Datenströme). Solche Dateien sind nun wieder mit dem VfW-Standard kompatibel, da sie letztlich wieder Standard Video-Streams "vids" und einen (von vier) Audio-Streams ("auds") enthalten.

Dazu ist allerdings ein entsprechender Decoder notwendig, der den Ausgangs-Stream zerlegt und die anderen Audio-Signale ignoriert. Das macht die Programme an dieser Stelle etwas anspruchsvoller.

Bei solchen Type-2-Files werden also Bild und Tonspur getrennt behandt. Dies beschleunigt ggf. die Berechnung eines Schnittprogrammes, wenn nur der Ton auf der Timeline geändert wird und das Bild unverändert bleibt.

Obwohl ein File vom Type-1 zunächst mal nichts mit OpenDML zu tun hat, werden Type-1-Files meiner Kenntnis nach immer im OpenDML-Format gespeichert und unterliegen daher keiner 4-GB-Grenze (sondern einer 12-TB-Grenze). 

Type-2-AVIs hingegen können sowohl im OpenDML-Format als auch im alten auf 1 GB beschränkten Format vorliegen. (Vergl.: Wie groß darf / soll eine AVI-Datei sein?). Adobe Premiere z.B. nutzt das OpenDML-Format und damit gilt die 12-TB-Grenze (unter der Voraussetzung, dass Sie das 'richtige' Betriebssystem nutzen).

Qualitativ besteht übrigens kein Unterschied zwischen den beiden Formaten.
 

 

Adobe Premiere 6.0 LE arbeitet nun grundsätzlich mit dem Type-2-AVI. Man verspricht sich dabei offensichtlich bei Adobe eine höhere Kompatibilität und einen kleinen Geschwindigkeitsgewinn.

Während die LE-Version auch nur Files vom Type-2 einlesen kann, vermag die Vollversion von Adobe Premiere 6.0 sowohl mit dem Type-1 als auch dem Type-2 umzugehen. Da ich nun bereits viele Files vom Type-1 hatte, fiel mir die fehlende Importfunktion natürlich sofort auf.

Doch mit diesen Fragen braucht sich der Anwender gar nicht herumzuschlagen. Die Firewire-Karte von Electronic Design und Adobe Premiere 6.0 LE sind optimal aufeinander abgestimmt.

 
Übrigens: Nicht nur die Aufzeichnung klappt ganz problemlos auch bei der Ausgabe des Videofilms ist Adobe Premiere ungeschlagen. Zwar hat Adobe Premiere 6.0 kein eigenes Plugin für den TMPGenc, es gibt aber ein kleines Hilfsmittel, AVISynth (http://www.math.berkeley.edu/~benrg/avisynth.html), mit dessen Hilfe die Videodaten aus der Timeline an TMPGenc übergeben werden können. Eine solche Funktion gibt es meines Wissens nur bei Adobe Premiere. Doch was hilft Ihnen eine solche Funktion, wenn Sie Ihr altes AVI vom Type-1 erst gar nicht in das Schnittprogramm hineinbekommen.

Sind Sie hingegen Neueinsteiger und "unbelastet" von alten AVI-Files, so fällt Ihnen das Fehlen dieser Importfunktion vermutlich gar nicht auf. 

Auch habe ich persönlich bei der LE-Version die ein oder andere Überblendungsfunktion vermisst. Doch gerade für den Anfänger ist hier sicher etwas weniger (an verspielten Überblendungen) im Endeffekt etwas mehr (an qualitativ gutem Film).

Sind Sie im Umgang mit der LE-Version fitt und ist Ihnen die LE-Version "zu klein" geworden, so können Sie als registrierte Benutzer von Adobe Premiere Limited Edition eine Upgrade-Version auf Adobe Premiere 6.0 zum Preis von 272,60 Euro inkl. MwSt (= 533,16  DM inkl. MwSt) bei Adobe erwerben.

Immer noch ein ganz guter Preis, wenn man bedenkt, dass die Vollversion von Hause aus 1.585,87 DM kostet.

Wenn Sie mich nun fragen, ob sich der geringe Mehrpreis von ca. 5,- oder 10,- Euro für "DV premiere" im Gegensatz zu anderen FireWire-Karten mit dem ULEAD Video-Studio lohnt, muss ich sagen, dass Sie als Neueinsteiger mit Adobe Premiere LE deutlich besser bedient sind als mit dem ULEAD Video-Studio (egal in welcher Version).

Die Software "Video-Studio" von ULEAD ist in meinen Augen einfach nur "Spielkram".

Trotz der etwas eingeschränkten Möglichkeit von Adobe Premiere 6.0 LE ist "DV premiere" alles in allem ein ganz gut geschnürtes Paket aus Firewire-Karte und Schnittsoftware zu einem angemessenen Preis. Zumal der Anbieter im Gegensatz so manchem "Versender" (nach eigenen Angaben) Fragen zur Konfiguration oder zur Kompatibilität von Camcorder gern beantwortet.

 

 

Update: Jan. 2003

Electronic Design, München

Dezember 2002: "Nach dem bereits vorangegangenen Preisverfall von Videoschnittkarten und keiner Aussicht auf baldige Besserung der Kaufkraft muss Electronic-Design zum Jahreswechsel leider Insolvenz anmelden." Quelle: http://www.camgaroo.de
 

 

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